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Reisen

Gesellschaftszensus

Die ersten Sonnenstrahlen zeigen sich am Horizont und tauchen die trübe Wolkenmasse in einen Eimer bunter Farben. Ich strecke meine taub gewordenen Glieder, unterdrücke ein langes Gähnen und kämpfe mich aus den weichen Sofakissen heraus. Bei den ersten Schritten taumle ich ein wenig von links nach rechts, von rechts nach links – doch etwas zu viel Wein gestern? Normal trinke ich doch nie zu viel?! Ich gehe an ein paar am Boden Schlafenden vorbei und wundere mich, dass Sie sich wirklich zu diesem Schlafplatz entschlossen haben und vor allem, dass sich noch niemand beschwert hat. Während ich die schwere Tür aufstemme und mir plötzlich der Wind um die Nase pfeift, weiß ich wieder, wo ich mich gestern Abend herumgetrieben habe. Das unendliche Blau um mich herum lässt mich auch nicht zweimal raten!

Die Zeit auf einer Fähre ist doch immer irgendwie besonders. Manche speisen luxuriös im à-la-carte-Restaurant und verköstigen einen edlen Wein. Andere sitzen an geldhungrigen Glücksspielautomaten und haben gerade schon wieder nicht das letzte Mal Geld eingeworfen. Man sieht ein verliebtes Pärchen an der Reling kuscheln und nur ein paar Meter weiter bricht ein Mann seine dritte Packung Zigaretten an. Studenten liegen schlafend auf allem herum, was nur halbwegs bequem aussieht – ein paar Stockwerke weiter oben fällt gerade die Tür zur Privatkabine ins Schloss.

Eine Fährüberfahrt ist nicht nur eine Reise, sondern auch ein tiefer Einblick in unsere Gesellschaft. Gebildet und Ungebildet, Reich und Arm, alle auf demselben Schiff. Dass dies nicht jedermanns Sache ist – allein schon wegen der Seekrankheit – ist klar. Aber mir gefällt die Reise über das Meer mit Ihren ganz unterschiedlichen Eindrücken. Ganz besonders im Kopf bleiben mir immer die genialen Sonnenauf- und Untergänge. Der Blick auf fremde Landstriche und Inseln. Das schöne Gefühl, wenn man nur das Meeresrauschen um sich hört. Nur die Delfine lassen sich wirklich viel zu selten blicken!